S. Jessenin
Jessenin gilt als einer der besten und zugleich volkstumlichsten Dichter
Russlands. Wegen seiner bäuerlichen Herkunft sah er sich als
„Dorfpoeten“ und beschäftigte sich in vielen Werken mit dem Leben
auf dem Land und in den Dörfern. Nach einer abgebrochenen Ausbildung
im Internat einer kirchlichen Schule ging er 1912 nach Moskau, wo
er zunächst in einer Buchhandlung arbeitete und 1913 ein geisteswissenschaftliches
Studium aufnahm. 1921 bereiste er den asiatischen Teil der Sowjetunion,
besuchte den Ural und Orenburg, hielt sich im Mai in Taschkent auf
und verbrachte kurze Zeit in Samarkand. Im Oktober desselben Jahres
lernte er Isadora Duncan kennen, mit der er vom Mai 1922 bis August
1923 verheiratet war und in dieser Zeit auf ihren Tourneen begleitete.
Hier machte er mit seinem Vandalismus in Hotelzimmern international
auf sich aufmerksam. Seine Trunksucht reflektierte er auch in seinen
Gedichten, in denen er sich keinen Illusionen über sich selbst
hingab. 1924–25 besuchte er Aserbaidschan und wohnte in Mardakjan,
einer Vorstadt von Baku. Nachdem er zu Beginn der 20er Jahre in Moskau
in einem legendären Freundeskreis von Künstlern verkehrt
hatte, brach er 1924 die Beziehung zu Anatoli Marienhof, einem führenden
Vertreter des Imaginismus, ab.
Jessenin unterstützte zunächst die Oktoberrevolution,
wurde aber von den Ergebnissen enttäuscht und wandte sich später
von ihr ab. Große Teile seines Werkes waren in der Sowjetunion,
insbesondere zur Zeit Stalins, verboten. Jessenin nahm sich in einem
Zimmer des Leningrader Hotels „Angleterre“ das Leben.
Seit den achtziger Jahren kursiert die Vermutung, er sei von GPU-Agenten
ermordet worden.
Jessenin führte Ehen mit insgesamt fünf Frauen. In erster
und zweiter Ehe war er mit Sinaida Reich verheiratet. Aus diesen
Ehen gingen zwei Kinder hervor. Außerdem hatte er zwei uneheliche
Kinder, darunter den bedeutenden Mathematiker und Dissidenten Alexander
Jessenin-Wolpin. Sein unehelicher Sohn Juri, der 1913 aus der Beziehung
mit Anna Romanowna Isrjadnowa geboren wurde, wurde 1937 während
der Stalinschen Säuberungen erschossen. Nach Isadora Duncan
heiratete S. Jessenin im Oktober 1925 Sofia Tolstaja, die Enkelin
Leo Tolstois. Sie veranlasste einen Monat später seine Einweisung
in eine psychiatrische Klinik in Moskau. Die mit Jessenin befreundete
Journalistin Galina Benislawskaja, die er als seine literarische
Sekretärin beschäftigte, beging ein Jahr nach Jessenins
Tod an dessen Grab Selbstmord.
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